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Einkommen

~10 Milliarden EUR heimliche Steuererhöhung — jedes Jahr

Der Staat erhöht deine Steuern, ohne einen Gesetzesbeschluss zu fassen. Das Instrument heißt Kalte Progression — und es funktioniert im Stillen.

Der Mechanismus

Wenn Löhne mit der Inflation steigen, aber die Steuertarife nicht angepasst werden, rutschen Arbeitnehmer in höhere Steuersätze — obwohl ihre Kaufkraft gleich bleibt. Der Staat kassiert mehr, ohne einen Gesetzesbeschluss zu fassen.

Lohnsteigerung

+3%

nur Inflation

Reale Kaufkraft

0%

kein Zuwachs

Steuersatz

steigt trotzdem

Grundfreibetrag-Entwicklung

Seit dem Inflationsausgleichsgesetz 2022 wird der Grundfreibetrag angepasst — aber nicht automatisch, sondern per politischem Beschluss.

Jahr Grundfreibetrag Visualisierung
2020 9.408 €
2021 9.744 €
2022 InflAusG 10.347 €
2023 10.908 €
2024 11.604 €
2025 12.096 €
2026 12.084 €

Blinder Fleck: Reichensteuergrenze

277.826 EUR — seit 2007 nicht angepasst

Das Inflationsausgleichsgesetz 2022 verschob die Steuertarifkurve teilweise. Die Reichensteuergrenze bei 277.826 EUR wurde jedoch seit ihrer Einführung 2007 nie angepasst — wer knapp darunter liegt, zahlt heute real viel mehr als ursprünglich gedacht.

1 EUR (2007) entspricht heute ~ 1,45 EUR (Kaufkraft). Inflationsbereinigt müsste die Reichensteuergrenze heute bei ~402.000 EUR liegen.

Internationaler Vergleich: Tarif auf Rädern

In 5 Ländern werden Steuertarife automatisch an die Inflation angepasst. In Deutschland: kein automatischer Mechanismus.

seit 1985

USA

Automatische Anpassung aller Steuerklassen an den CPI (Consumer Price Index)

seit 1974

Kanada

Automatische Indexierung der Grenzwerte an die Inflation

seit 1993

Belgien

Steuerklassen werden jährlich per Gesetz an den Preisindex angepasst

seit 1987

Dänemark

Indexierung der Freibeträge und Grenzen an die Lohnentwicklung

seit 2001

Niederlande

Automatische Anpassung der Steuerklassen an offizielle Inflationsziele

Deutschland: Kein automatischer Mechanismus. Anpassungen erfolgen per politischem Beschluss — und bleiben regelmäßig hinter der Inflation zurück.

Politische Einordnung

Kalte Progression ist kein bloßer Nebeneffekt, sondern ein politisch geduldetes Einnahmemuster.

1

Automatische Mehreinnahmen

Inflation und Lohnsteigerungen treiben Steuerzahler in höhere Tarifstufen. Der Staat kassiert jedes Jahr ~10 Mrd. EUR mehr, ohne ein Gesetz zu verabschieden.

2

Unvollständiger Ausgleich

Kurz vor Wahlen wird ein Teil davon oft als Entlastung zurückgegeben. Vollständig ausgeglichen wird der Effekt dabei meist nicht.

3

Differenz bleibt beim Staat

Die Rückgabe fällt meist geringer aus als die vorherigen automatischen Mehreinnahmen. Die Differenz verbleibt im Staatshaushalt.

Lösung: Automatische Tarifjustierung an die Inflation (Tarif auf Rädern)
Warum nicht: Weil ~10 Mrd. EUR/Jahr automatische Mehreinnahmen für die Politik leichter durchzuhalten sind als eine explizite Steuererhöhung, die unmittelbaren Widerstand auslösen würde.

Quellen

  • Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung — Jahresgutachten 2022/23: Kalte Progression ~10 Mrd. EUR/Jahr
  • Bundesministerium der Finanzen (BMF) — Einkommensteuerstatistik, Tarifhistorie Grundfreibetrag 2020–2026
  • OECD Tax Policy Studies — Taxation and Economic Growth; Ländervergleich Tarif-Indexierung
  • Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) — Analyse Kalte Progression und Kaufkraftverluste
  • Bundesministerium der Finanzen — Inflationsausgleichsgesetz 2022, Referentenentwurf